„Jetzt mal ehrlich: Was weißt du wirklich über diese Insel, Chef?“

Ich muss gestehen, dass ich bisher dachte zu dem gleichnamigen Film mit Leonardo diCaprio und Mark Ruffalo aus dem Jahr 2010 gibt es überhaupt kein Buch. Als ich „Shutter Island“ das erste Mal im Fernsehn sah war ich trotzdem sofort fasziniert. Von der Thematik, der Schauspielkunst (besonders diCaprio und dem großartigen Ben Kingsley), der Kulisse, der Atmosphäre, dem Spannungsbogen. Einfach alles hat gestimmt und dennoch hatte man zahlreiche Fragen im Kopf, die sich nicht beantworten ließen. Von meinem Freund habe ich dann zu unserem ersten Jahrestag (der jetzt auch schon länger her ist) dann den Roman zum Film bekommen und nun bin ich endlich dazu gekommen ihn zu lesen – und habe ihn wirklich verschlungen. Und dennoch habe ich immer noch Fragen.

Eckdaten

  • Titel: „Shutter Island“
  • Autor: Dennis Lehane
  • Verlag: Ullstein Buchverlag GmbH
  • Erscheinungsjahr: 2005, vorliegende Ausgabe aus 2010 (5. Auflage)
  • ISBN: 978-3-548-26194-2
  • Preis: 8,95€

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Gleich zu Beginn möchte ich klar stellen, dass ich hier nicht Film und Buch miteinander vergleichen will. Nicht liegt mir ferner als das. Denn meiner Meinung nach gibt es nur sehr wenige Filme, die an ihre Buchvorlagen wirklich ran reichen oder gar besser sind. Martin Scorsese’s (der unter anderem auch für „Gangs of New York“ oder „The Wolf of Wall Street“ verantwortlich ist – beide übrigens auch mit diCaprio) Film zu „Shutter Island“ ist ohne Frage sehr gut und gelungen, aber hier soll es um das Buch gehen, das ich jedem gerne empfehlen möchte, der sich für Thriller mit Irrenanstalts-Themen und abgebrühten Polizisten interessiert.

-> WICHTIG! DIE NÄCHSTEN ZEILEN ENTHALTEN SPOILER <-

Gemeinsam mit dem Protagonisten Edward „Teddy“ Daniels, ein US-Marshall, und seinem Partner Charles „Chuck“ Aule begeben wir uns auf die düstere Insel Shutter Island auf der sich eine Irrenanstalt für gewalttätige und straffällige Geisteskranke befindet. Wir lernen die beiden auf der Fähre kennen. Gleich zu Anfang erfahren wir einiges über Teddy und seine Beziehung zu seinem sehr früh verstorbenen Vater, der Seemann war und in den Fluten um kam. Teddy, der seekrank wird, aber standhaft bleibt ist uns weder sympathisch, noch unsympathisch. Er bleibt rätselhaft, undurchschaubar und etwas grobschlächtig. Chuck hingegen ist uns – oder mir jedenfalls – gleich ein guter Freund. Mit ihm scheint man lachen zu können, er reißt Witze, ist ziemlich ironisch und liefert sich mit Teddy einen Schlagabtausch an Filmzitaten kreuz und quer durch die Hollywoodgeschichte. Chuck, der ganz frisch zu Teddys Partner auserkoren wurde, erzählt viel über sich. Er habe eine asiatische Freundin und hätte deswegen seine Heimat verlassen müssen – in den 1950ern nicht unüblich, aber ziemliches Klischee – keine Kinder hat und genau wie Teddy im Zweiten Weltkrieg gedient hat. Die beiden sollen auf Shutter Island eine entflohene Patientin, eine gewisse Rachel Solando – suchen, die sich auf der Insel versteckt haben soll. Die beiden Marshalls sollen sie finden, aber Teddy verfolgt noch ganze andere Ziele, die erst später zur Sprache kommen.

Die Belegschaft ist genau wie die Anstalt ziemlich zwielichtig und man hat sofort ein Bild von einem alten Haus mit vergitterten Fenstern, hohen Zäunen und bröckelnden Steinfassaden im Kopf. Überhaupt wirkt die gesamte Insel wie diese typische Landschaft aus Horrorfilmen. Einfach ein Ort wo nichts Gutes passieren kann. Die Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern machen auf uns den Eindruck exemplarischer Wissenschaftler und Gehilfen, die gerne experimentieren und überhaupt glauben die einzigen normalen Menschen auf dem Planeten zu sein. Ähnlich ist es mit den Patienten, die teilweise wirklich sehr abgedroschen, aber auch recht witzig sind. Da haben wir zum Beispiel einen, der felsenfest davon überzeugt ist seine Füße seien erkältet. Aber da wir gerade bei Patienten sind. Teddy und Chuck sollen ja eine Patientin finden, die ihre Kinder umgebracht hat und jetzt in einer selbstkonstruierten Scheinwelt lebt in der die Pfleger und Ärzte Milchmänner oder Postboten sind. So eine Patienten soll aus einem kleinen Fenster verschwunden sein, vorbei an Dutzenden anderen Patienten und einigen Pfleger und sich nun irgendwo auf der Insel versteckt halten. Da kommt die erste Frage auf: Wie zum Teufel hat sie das angestellt? Teddy und Chuck kommen zu dem einzig logischen Schluss, der mir auch in dieser Situation eingefallen wäre: Rachel Solando musste einen Helfer haben, der sie aus der Anstalt gebracht hat. Der behandelnde Therapeut, der wie durch Zufall genau an dem Tag seinen Urlaub antritt an dem sie verschwindet, gerät in Verdacht. Doch sie beide bekommen keine Einsicht in die Patienten- und Personalakten. Aber ein Glück hinterlässt Rachel einen Hinweis. Und zwar einen Zettel mit der Aufschrift

DAS GESETZ DER 4

ICH BIN 47

SIE WAREN 80

+ IHR SEID 3

WIR SIND 4

ABER

WER IST 67?

Auch nach mehrmalige Lesen von Teddys Lösung steige ich nicht so ganz dahinter, muss ich ehrlich zugeben. Aber zum Ende hin klärt sich alles ein bisschen auf – obwohl wie gesagt dennoch viele Fragen bleiben. Teddy löst das Rätsel jedoch. Scheinbar hat alles einen Zusammenhang mit der Zahl 13 – wie unheilvoll – und er hat auch schon eine starke Vermutung wer 67 ist. Und zwar jene Person, weswegen er auch auf der Insel ist: Andrew Laeddis. Der Mann, der Teddys Frau umgebracht hat. Doch er findet diesen Patienten nicht. Auch nicht, als er nach einem zerstörerischem Hurrikane die Möglichkeit hat Station C der Irrenanstalt zu betreten, wo die wirklich gewalttätigen Männer und Frauen untergebracht sind. Chuck gelingt es unterdessen Laeddis Anmeldeformular zu stehlen – denn natürlich halten Polizisten zusammen und wenn einer von beiden den Mörder seiner Frau finden will zieht der andere ganz automatisch und selbstverständlich mit! – aber Teddy ist mittlerweile so durcheinander und glaubt durch die ganzen Steine, die ihnen in den Weg gelegt werden, dass die Ärzte und insbesondere der Chefarzt Dr.Cawley gegen die spielen. Er glaubt sie wollen ihn auf der Insel festhalten, weil er drauf und dran ist ihre üblen Nazi-Methoden – nämlich Experimente an Menschen in einem Leuchtturm – aufzudecken.

Doch natürlich kommt es ganz anders. Am Ende stellt sich heraus, dass Edward „Teddy“ Daniels in Wirklichkeit selbst Andrew Laeddis ist – es handelt sich hier nämlich um ein Anagramm – und Rachel Solando seine tote Frau Dolores Chanel – ebenfalls ein Anagramm. Teddy lebt seit fast zwei Jahren als Patient auf Shutter Island, hat seine Frau umgebracht, nachdem die ihre gemeinsamen drei Kinder tötete und hatte sich eine eigene penibel gestrickte Scheinwelt aufgebaut in der er mit seinem Partner Chuck – der in Wirklichkeit kein anderer ist als Dr.Sheehan, der in den Urlaub gefahrene Therapeut, der Teddy behandelt – nach Shutter Island fährt, um eine entflohene Patientin zu finden.

Der Weg zur Auflösung des ganzen Falles ist gespickt von einigen Logikfehlern. Beispielsweise leuchtet mir überhaupt nicht ein, wieso ein behandelnder Arzt einem Patienten einen US-Marshall-Ausweis gibt mit dem er durch die ganze Station läuft und Pfleger und andere Patienten befragt – was auch als Begründung erhält, wieso ihm denn niemand gesagt habe, dass das alles nur ein Spiel ist, das man für ihn und seine Therapieform aufführt. Ebenso unlogisch scheint mir die Tatsache, dass man einen gefährlichen und gewalttätigen Patienten – wie sich später herausstellt hat er einen Mitpatienten übel zusammen geschlagen und ist auch oft auf Pfleger los gegangen – frei auf der Insel herum laufen lässt. Immerhin ist er unter anderem dazu in der Lage als Ablenkungsmanöver einen Wagen anzuzünden. Auch seltsam ist, dass augenscheinlich alle Pfleger Bescheid wissen und er jeden befragen darf, egal wen. Seine Medikation verabreichen ihm die Ärzte und Pfleger via Getränke und Zigaretten, die seiner Meinung nach seltsam süßlich sind. Nur einmal bekommt er wirklich eine Tablette und zwar, als er einen Migräneanfall bekommt und Dr.Cawley angeblich eine Aspirin aushändigt.

Aber schauen wir uns doch auch mal die positiven Dinge an. „Shutter Island“ ist wirklich sehr schön geschrieben. Man liest es flüssig durch, nichts hält zu lange auf und die Spannung baut sich mit jeder Seite weiter auf. Bis zum Schluss sind wir der festen Überzeugung, dass man Teddy übel mitspielt. Erst, als das ganze Konstrukt zusammenfällt und aufgelöst wird sehen auch wir als Leser das große Ganze, begreifen Teddy’s Wahnsinn und haben irgendwie Mitleid mit dem armen Geschöpf, dass in einer Fantasiewelt lebt, die sehr gut durchdacht ist. Die Hauptcharaktere sind geschickt aufgebaut und wir haben das Gefühl, dass jeder einzelne genau dort hin gehört, auf Shutter Island. Ob es nun die Patienten, die Pfleger und Krankenschwestern oder Ärzte sind. Sie alle haben einen gerechtfertigten Platz auf dieser Insel voller Klischees und düsteren Geschichten.

Mit jeder gelesenen Seite sympathisieren wir mehr mit Teddy und halten Dr.Cawley dagegen für einen echten Mistkerl, der den US-Marshall gar nicht wirklich ernst nimmt. Selbst ganz zum Schluss, als der Doktor das Spiel für beendet erklärt halten wir zur Teddy und wehren uns innerlich für ihn gegen die angedrohte transorbitale Lobotomie, die man an ihm durchführen will, da die Therapie offensichtlich nicht gefruchtet hat und Teddy weiterhin daran festhält Edward Daniels zu sein und nach Andrew Laeddis zu suchen.

Zum Schluss des Romans bleibt jedoch die Frage offen, ob man an ihm nun die Lobotomie durchgeführt hat oder nicht. Denn er erwacht in dem Raum in dem er mit Chuck und zwei weiteren Pflegern geschlafen hatte. Er zieht sich seine Uniform an und geht nach draußen. Chuck – und zwar als Chuck und nicht als Dr.Sheehan – setzt sich zu ihm, sie rauchen und reden davon, dass sie dringend von dieser Insel runter müssten. Es scheint, als ob das Spiel wiederholt würde. Vielleicht war aber auch alles nur ein Traum. Für mich persönlich ist das Ende etwas konfus.

Trotz der Kritikpunkte landet Dennis Lehane’s „Shutter Island“ auf meiner Favoritenliste. Es hat mich einfach gepackt und nicht mehr los gelassen. Ich wollte immer mehr von Teddy erfahren, wollte tiefer in die Anstalt eintauchen, wollte wissen, was auf der Insel wirklich geschieht. Man bekommt beim Lesen das Gefühl, dass dort wirklich etwas nicht stimmt und unser Protagonist in großer Gefahr schwebt. Dazu der Schreibstil und die Atmosphäre, die die Handlung und den Spannungsbogen abschließen und für ein Gesamtwerk sorgen, das zwar ein paar logische Denkfehler aufweist, aber am Ende dennoch den Eindruck vermittelt etwas großartiges gelesen zu haben. Ich empfehle es jedenfalls weiter!

Herr Voland

Kurzer Einblick in das nächste Buch

  • Titel: „Nachtschicht“
  • Autor: Stephen King
  • Klappentext:

„In einem verdunkelten Klassenzimmer, lange nach Dienstschluss, sitzt ein nervöser Englischlehrer und erwartet die Henker seiner Frau und seines Bruders…

In einer eleganten Penthouse-Wohnung öffnet ein berufsmäßiger Killer das verdächtige Paket, das ihm eine Spielzeugfirma geschickt hat…

In einem leeren Waschsalon vollziehen ein Polizist und ein Professor den klassischen Exorzismus an einer mordgierigen Bügelmaschine…

Dies sind nur einige der überraschenden Stories in diesem Band.

Nachtschicht stellt eine sehr persönliche Auswahl vom Besten dar, das Stephen King je geschrieben hat: ein Stundenbuch des Grauens.

 

 

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