„Ich weiß, dass sich jede von euch im Wald verirrt hat.“

Fast jeder von uns wird als Kind die Märchen der Gebrüder Grimm gelesen haben. Die meisten kennen aber höchst wahrscheinlich die Kinderfassung mit dem Happy End in dem der Prinz die Prinzessin bekommt und das Böse vernichtet oder vertrieben wird. Wahr ist aber, dass die wenigsten Grimm Märchen tatsächlich so ausgehen, wie wir es aus Kindertagen kennen.
John Katzenbach greift das reale Märchen von Rotkäppchen in seinem Roman „Der Wolf“ auf, führt uns in die tiefen Abgründe eines mordenden Schriftsteller ein und lässt uns mit seinen drei Roten einen Waldweg einschlagen, dem wir uns im Dunkeln nicht nähern würden.

 Eckdaten 
Titel: „Der Wolf“
Autor: John Katzenbach
Verlag: Knaur Taschenbuch
Erscheinungsjahr: Ursprünglich 2012, vorliegendes Exemplar 2014
ISBN: 978-3-426-50071-2
Preis: 9,99€

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Als ich den Klappentext in der Buchhandlung gelesen habe dachte ich zuerst: Mörder und erfolgloser Schriftsteller? Ein typisches Thriller-Klischee.
Möchte man jedenfalls meinen. Da ich aber schon das ein oder andere Buch von John Katzenbach gelesen habe und weiß, dass der Mann immer für eine Überraschung gut ist landete der Roman dennoch in meiner Einkaufstasche und fuhr mit mir nach Hause. Es dauerte dennoch noch gute drei Wochen bis ich die erste Seite aufschlug – vorher krallte sich meine Mutter noch den Roman.
Rotkäppchen war eines meiner Lieblingsmärchen, als ich noch klein war und es reizte doch sehr, einen Thriller mit dieser Grundlage zu lesen. Und schon der Prolog und die ersten Kapitel überzeugten mich einen richtigen Einkauf getätigt zu haben.
Ein Mörder, der sich als „Böser Wolf“ ausgibt und drei Frauen augenscheinlich wahllos für sein perfides Spiel aussucht. Er schreibt einen Roman, nutzt dafür seine „drei Roten“ und treibt sie bis zum Äußersten, um seine Kreativität wieder zu entfachen. Er hat schon längere Zeit kein Buch mehr veröffentlicht, doch im Laufe der Geschichte erfahren wir Stück für Stück, dass er auch für seine vorigen Werke reale Verbrechen genutzt und selbst ausgeübt hat. Bis zum Ende erfahren wir weder seinen, noch den Namen seiner Frau, die im ungefähr nach der Hälfte auf die Schliche gekommen zu sein scheint. Ihr Mann versteht es aber genau sie um den Finger zu wickeln, ihr glaubhaft vermitteln zu können, dass es sich bei seiner Arbeit in seinem verschließbarem Zimmer lediglich um Recherche handelt und sie sich vollkommen umsonst Sorgen macht – sie wird schließlich sogar zur Komplizin und hilft ihrem Mann die „drei Roten“ auszuspionieren.
Die „drei Roten“ haben überhaupt nichts miteinander gemein, kennen sich nicht einmal. Nur ihre jeweils roten Haare scheinen sie zu verbinden. Sie sind alle im unterschiedlichen Alter, haben unterschiedliche Berufe (Ärztin, arbeitslose Lehrerin und Schülerin) und unterschiedliche Hintergründe. Jede von ihnen erhält eines Tages eine sonderbare Nachricht per Post in der der „Böse Wolf“ ankündigt sie zu jagen und zu töten. Er nennt sie „Rote Eins“ (Karen, Ärztin, Gelegenheitsraucherin), „Rote Zwei“ (Sarah, arbeitslose Lehrerin, Witwe, Gelegenheitstrinkerin) und „Rote Drei“ (Jordan, Schülerin, Scheidungskind).
Nachdem der „Böse Wolf“ ihnen eine zweite Nachricht mit einem YouTube-Link zugesendet hat nehmen die drei Frauen Kontakt zueinander auf und beschließen zusammen gegen ihren vermeintlichen Mörder vorzugehen.
Ein rasanter Schlagabtausch zwischen Mörder und Opfer beginnt.

Sehr gefallen hat mir persönlich, dass uns der Mörder aka „Böser Wolf“ einen Einblick in seinen Roman gibt. Neben seinem eigenen Handeln finden wir immer wieder Textpassagen seines neuen Buches und erleben mit, wie er sie schreibt, ändert, ausschmückt.
Auch, wie sich die drei Frauen benehmen, sich gegenseitig zu stützen und zu helfen erscheint realistisch und nachvollziehbar. Ihre Pläne zeigen Verzweiflung, aber auch pure Entschlossenheit. Der „Böse Wolf“ treibt sie schier in den Wahnsinn, lässt ihnen gar keine andere Möglichkeit als sich zu wehren, bevor er sie umbringen könnte.

Weniger gut fand ich jedoch, dass sich die Geschichte am Anfang etwas gezogen hat. Nachdem sich die drei Frauen gefunden haben passiert erst einmal recht wenig, sie recherchieren ein wenig, wie man einem Mörder entkommen kann oder wie man sich verhalten sollte, versuchen mit allen Mitteln möglichst normal zu sein und sich nicht anmerken zu lassen, dass sie von einem mutmaßlichen Mörder verfolgt werden. Bis Sarah schließlich ihren Selbstmord vortäuscht und das ganze Geschehen wieder richtig in Fahrt kommt muss man einige Seiten lesen, danach aber hat man fast keine ruhige Minute mehr.

Das Ende wiederum stößt die ein oder andere Tür des eigenen Fantasieschlosses auf.

Man sieht das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf nach Katzenbachs Roman nicht unbedingt mit anderen Augen. Aber ich lege jedem nahe sich einfach mal die Originalfassungen anzuschauen und die heile Märchenwelt einfach vergessen.

Herr Voland

Kurzer Ausblick
Autor: Richard Laymon
Titel: „Der Geist“
Klappentext:
„Eine Gruppe von Studenten probiert auf einer Party ein altes Ouija-Brett aus. Tatsächlich können sie Kontakt mit einem Geist aus dem Jenseits aufnehmen, er ihnen verrät, dass in den unzugänglichen Bergen Kaliforniens ein Schatz versteckt sein soll. Für die jungen Leute beginnt eine Reise ins Grauen…“

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