„Das Haus nebenan ist heimgesucht[…]“

Ich liebe Horrorfilme und Horrorromane. Ganz besonders gerne verliere ich mich in alten Geschichten, die nichts mit dem Splatter-Wahn unserer neuen Generation zu tun hat. Ich schätze Filme und Bücher bei denen einem die Nackenhaare zu Berge stehen, man lieber das Licht an lässt und das Herz aussetzt.
Zu Anne Rivers Siddons´ Roman „Das Haus nebenan“ bin ich über einige Umwege gekommen. Den Film von 2006 kannte ich schon etwas länger und wusste auch, dass er auf einen Roman beruht. Dennoch fiel mir der erst wieder ein, als ich ihn im Öffentlichen Bücherschrank an der Düsseldorfer Rheinpromenade fand und mit nach Hause nahm.
Wer das Buch lesen und keiner „Spoilergefahr“ ausgesetzt sein möchte: Mögliche Spoiler sind in Klammern gesetzt und sollten von euch dann nicht beachtet werden 😉

 

Die Eckdaten
Autor: Anne Rivers Siddons
Titel: Das Haus nebenan
Verlag: Die deutschsprachige Ausgabe erschien im Goldmann Verlag
Erscheinungsjahr: Original: 1978, vorliegende Ausgabe stammt aus 1994
ISBN: 3-442-08116-5
Preis: Damal 12,90DM

 

Kurze Zusammenfassung
Colquitt und Walter Kennedy leben in eine geruhsamen Vorort von Atlanta. Neben ihrem Haus befindet sich ein Waldstück, auf dem der Architekt Kim Dougherty für den jungen Anwalt Harralson und seine Frau Pie eine Villa baut. Aber das Traumhaus entpuppt sich nur zu schnell als Ort des Bösen: Abgeschlachtete Tiere liegen im Garten, und dann verliert Pie ihr Baby im siebten Monat. Das Haus nebenan ist neu, elegant und grausam. Und dann beginnt Walter und Colquitt langsam zu dämmern, dass sie seine nächsten Opfer sein sollen. (aus dem Roman entnommen)

Lesbarkeit
„Das Haus nebenan“ ist einiges dieser Bücher, die man einfach nicht aus der Hand legen sollte. Nicht nur, weil sich die Geschichte ins Gehirn brennt und einem verstohlene Blicke auf das eigene Nachbarhaus werfen lässt. Sondern auch, weil man es wirklich am Stück lesen kann. Zu empfehlen ist ohnehin, dass man die Geschichten der einzelnen Familien an einem Stück ließt, damit einem diese merkwürdigen „Zufälle“ ins Auge springen und man sich Colquitts spätere Theorie logisch erklären kann.
Insgesamt lässt sich dieser Roman recht gut lesen. Auch, wenn man bei manchen Beschreibungen oder Ausschweifungen seitens Colquitt manchmal gerne überblättern möchte weiß man instinktiv, dass alles, was sie uns aus ihrer Sicht präsentiert wichtig ist.
Der Roman ist in drei große Kapitel mit jeweils unterschiedlicher Unterkapitelanzahl gegliedert. Man verfolgt die Geschichten der drei Familien aus Colquitts Ich-Perspektive, die in das Haus neben den Kennedys einziehen. Wir beobachten, wie das Haus aufgebaut wird, wie Leute einziehen und – zum Teil – ausziehen. Mit nicht überraschend vielen Adjektiven wird das Haus beschrieben, wir können es uns sehr gut vorstellen, hören es schon fast atmen. Einzig und allein die ab und an starken Abbrüche zwischen einzelnen Unterkapiteln hätte ich zu kritisieren, die man aber auch gut überlesen kann.

Humor
Man sollte meinen in einem Horrorroman hätte so etwas wie Humor nichts zu suchen. Dem kann ich jedoch nur erwidern, dass sich Humor auch auf düstere Art un Weise gut in einen solchen Roman einbauen lässt. In „Das Haus nebenan“ hätten wir beispielsweise oft bissige Kommentare, zynische Bemerkungen und ab und an auch wirklich kleine Passagen zum aufrichtigen Schmunzeln. Manche Charaktere kommen uns schrecklich eingebildet vor – wie beispielsweise Pie Harralson – und andere lassen sich auf das schreckliche Klischee einer typischen amerikanischen Vorstadt anwenden. Dennoch belaufen sich diese kurzen Humorabschnitte auf einige wenige und lassen das eigentliche Thema – nämlich das Haus nebenan – nicht in den Schatten weichen.

Spannung
Oh Freunde, die Spannung lässt in diesem Roman wirklich nicht zu Wünschen übrig. Gebannt verfolgen wir den Untergang der drei Familien, sind teils wirklich geschockt über die Vorkommnisse und können uns ein waschechtes Gruseln ab und an nicht verkneifen Wer ein Herz für Tiere hat wird gleich zu Beginn mit entsprechenden kuscheligen Kadavern konfrontiert (Spoiler: Muss am Ende sogar mit dem Tod der beiden Kennedy Katzen fertig werden. Wirklich unschön. Die armen Geschöpfe).
Für mich hat sich die richtige Spannung besonders bei der letzten Familie aufgebaut, die in das Haus eingezogen ist. Die Greenes sind einem – oder jedenfalls mir – von vornherein irgendwie suspekt. Da man die Vorgeschichte des Hauses verfolgt hat kann man sich denken, was mit ihnen passieren wird und zum ersten Mal ist auch ein Kind betroffen. (Spoiler: Außerdem „tötet“ das Haus zum ersten Mal – und das gleich dreifach) Wenn sich die Kennedys schließlich an die Öffentlichkeit wenden scheint die Spannung ein wenig zu kippen, wir bekommen mit, wie das Paar von ihren damaligen Freunden missachtet wird, wie es terrorisiert wird und ein Leben nur noch für sich führt. Das ändert sich jedoch mit dem Wiederauftauchen von Kim Dougherty, dem Architekten des Hauses, der sich nach dem Fertigbau nach Europa absetzte, weil seine Kreativität mit einem Mal wie ausgelöscht schien. (Spoiler: Colquitt vermutet, dass das einzig und allein dem Haus zu verschulden ist. Als Kim ihr und Walter schließlich unterbreitet er wolle in das Haus mit seiner Verlobten Hope einziehen kommt sie zu einem Entschluss. Zusammen mit Walter will sie das Haus verbrennen. Im Epilog erfahren wir, dass der ehemalige Partner von Kim nach dessem Tod die Pläne für das Haus an ein anderes Paar weitergegeben hat. Das Grauen geht weiter.)

Erotik
Zugegeben, die Kennedys führen eine wirklich sehr erfüllende kinderlose Ehe. Sie schlafen oft miteinander, was dem Leser jedoch nicht aufs Auge gedrückt wird. Vielmehr bekommen wir durch das Haus nebenan einen Einblick in „erzwungene“ Erotik, als sich bei der Einweihungsparty der Harralsons zwei Männer im Schlafzimmer lieben. Auch bei der nächsten Familie, der Sheehans, kommt es zu einem außerehelichen Eklat in dem Haus (Spoiler: Wir erleben durch Colquitt, wie sich eine ihrer beste Freundinnen mit Buck Sheehan auf dem Sofa vergnügt) und selbst die Kennedys selbst bleiben nicht verschont. Als sich Colquitt und Kim im Wohnzimmer des Hauses küssen werden sie von Walter erwischt. Das zeigt ihnen endgültig, das mit dem Haus etwas nicht stimmt.

Inhalt/Story
Fast jeder von uns kennt eine Geschichte über ein Haus in dem es spukt. „Das Haus nebenan“ ist eine weitere Geschichte in dieser Kategorie. Aber dennoch etwas vollkommen anderes. Wir haben hier ein neues, elegantes Haus direkt in einem Vorort. Es führt kein einsamer Weg zu einer verfallenen Villa, mit zugenagelten Fenstern und quietschenden Treppenstufen. Dieses Haus wird direkt vor unserer Nase neu gebaut und strotzt nur so vor Energie. Durch Colquitt erfahren wir, wie sich diese böse Aura ausbreitet, wie sie sich nährt und alles zerstört, was einem am Herzen liegt. Auch Colquitt und Walter bleiben nicht verschont und müssen mit ansehen, wie sich ihr Leben stark verändert. Wir befinden uns nicht im 19. Jahrhundert, sondern in der guten Neuzeit. Es zeigt uns, dass auch moderne Gruselgeschichten wirklich gut und durchdacht sein können.

Nachhaltigkeit
Anne Rivers Siddons´ Roman ist sehr bekannt und jeder, der etwas von guter Horrorliteratur hält sollte es einmal gelesen haben. Den Film kann man sich auch guten Gewissens ansehen ohne dabei zu denken, wie schändlich die Thematik des Romans doch behandelt wurde. Nein, die Verfilmung ist tatsächlich ziemlich gut.
Ich bin mir sicher, dass dieses Buch auch in den weiteren vierzig Jahren noch Anklang finden wird und Stoff für mehr Spukhaus-Geschichten dieser Art liefert.

Sprache/Ästhetik/Stil
Der Roman ist in der Ich-Perspektive verfasst und lässt uns so die gesamte Geschichte aus Colquitts Sicht verfolgen. Das tut der Spannung keinen Abbruch und lässt uns dadurch auch nicht weniger in die Thematik einfließen. Nein, wir können so sogar aus erster Hand sozusagen den Verfall einer gesamten Straße beobachten. Es ist, als wenn wir selber neben diesem Haus wohnen würden und wir das Leid und die Tragödien aus erster Hand erfahren.
Dass der Roman in die drei Geschichten der Familien unterteilt ist erleichtert uns vieles und so können wir gemeinsam mit Colquitt dieses Haus verfluchen.

Fazit
Anne Rivers Siddons´ Roman „Das Haus nebenan“ ist gleichermaßen eine typische, wie aber auch eine vollkommen untypische Gruselgeschichte. Mir stand zwar nicht oft der kalte Angstschweiß auf der Stirn, aber dennoch habe ich gebannt die Geschichte rund um Colquitts Nachbarschaft verfolgt. Das Ende lässt zwar einige Fragen offen, aber man ist sich dennoch sicher einen wirklich guten Roman gelesen zu haben, den man getrost andere Leuten empfehlen kann, die mal eine etwas andere Spukhausgeschichte lesen möchten.
Ich kann nur sagen, dass ich dieses Buch jederzeit wieder lesen würde und mir sicher bin, dass man beim zweiten Mal sogar einige Elemente mehr entdeckt, die einem bei ersten Mal nicht aufgefallen sind. Zwar landet der Roman nicht in meiner Favoritenliste, ihn gelesen zu haben hat mir dennoch viel Freude bereitet, wenn man das bei einem Horrorroman sagen kann.

 

Kurzer Einblick in das nächste Buch
Titel: Blaue Augen bleiben blau – Mein Leben
Autor: Balian Buschbaum
Klappentext:
>>Mein Leben ist glücklich und erfolgreich, bis auf die Tatsache, dass ich im falschen Körper wohne.<<
Mit diesen Worten kündigt die erfolgreiche Stabhochspringerin Yvonne Buschbaum ihre bevorstehende Geschlechtsumwandlung an. Für Balian, wie er sich fortan nennt, ist das der letzte konsequente Schritt auf dem Weg zu seiner wahren Identität, für den er sogar die Olympia-Teilnahme opfert. Einfühlsam und mitreißend schreibt er von seinem Leben als Mann in einem Frauenkörper und seiner Befreiung daraus. Wie kein anderer hat Balian Buschbaum erfahren, wie Frauen und Männer denken und fühlen und was sie unterscheidet.“

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