Zombiekult

Eigentlich hatte ich nie große Erwartungen in Zombie-Bücher. Die meistens habe ich nach den ersten zwanzig Seiten oft genug aus der Hand gelegt und nie wieder angerührt. Als ich dieses Jahr dann von einem guten Freund ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk bekam dachte ich es würde wieder genau so passieren. Ich lese die ersten paar Seiten, bin gelangweilt oder aber dieser doch zu fantastischen Welt abgeneigt und lege das Buch beiseite.
Weit gefehlt.
Schon nach den ersten fünf Seiten war mir klar: Dieses Buch ist ein Highlight, ein Lichtblick in der mittlerweile zu absurden Zombiewelt.
Ich muss dazu sagen, dass ich schon sehr lange ein Fan guter Zombie-Filme bin. „The Walking Dead“ gehört zu meinen Lieblingsserien und „Resident Evil“ eigentlich kaum wegzudenken (sowohl die Bücher, als ach die Spiele. Die Filme lege ich mal in den Hintergrund). Aber die meisten Bücher in diesem Subgenre waren doch wirklich nicht meins.
Hier jedoch möchte ich kurz festhalten, wieso „The Return Man“ ein wirklich grandioses Werk ist und es in meine Favoritenliste geschafft hat. Wer das Buch lesen und keiner „Spoilergefahr“ ausgesetzt sein möchte: Mögliche Spoiler sind in Klammern gesetzt und sollten von euch dann nicht beachtet werden 😉

Die Eckdaten
Autor: V.M. Zito
Titel: Return Man
Verlag: Die deutschsprachige Ausgabe erschien im Heyne Verlag
Erscheinungsjahr: Original: 2012, vorliegende Ausgabe stammt aus 2013
ISBN: 978-3-453-31397-2
Preis: 8,99€

 

Kurze Zusammenfassung
Im Jahr 2018 ist Amerika in zwei Lager gespalten. Im Osten, den Sicheren Staaten, versuchen die überlebenden Menschen eine neue Zivilisation aufzubauen. Im Westen herrschen die Zombies und hinterlassen eine blutige Spur von Kalifornien über Nevada bis Arizona. Nur ein Mann ist dort geblieben, um für Überlebende Aufträge auszuführen, Untote zurückzugeben: Henry Marco. Seines Zeichens eigentlich Neurologe hat er es sich zur Aufgabe gemacht Untote auf dem Wunsch ihrer Angehörigen hin zu erlösen. Darüberhinaus verfolgt er sein eigenes Ziel: er will seine Frau Danielle finden – und ihr die letzte Gnade erweisen.
Nach einem nervenaufreibendem Auftrag kehrt Marco in sein Haus in Arizona zurück, will eigentlich nur schlafen und Ruhe. Dazu kommt er nicht, denn ein neuer Auftrag, ein ganz spezieller, wartet bereits per Videokonferenz aus den Sicheren Staaten auf ihn. Für die neugeformte Regierung der Republikaner soll er einen Arzt ausfindig machen, der sich zuletzt im Staatsgefängnis von Sarsgard aufgehalten hat. Einen Arzt, der ihm wohlbekannt ist und er eigentlich hoffte niemals wiederzusehen: Roger Ballard.
Von der neuen Regierung soll Marco eigentlich ein AAE-Team zur Seite gestellt bekommen. Die treffen aber niemals bei ihm ein, werden von dem rücksichtslosen chinesischen Killer und MSS-Agneten ausgemerzt, der sich schließlich für Marcos Verstärkung ausgibt. Natürlich verfolgt er ganz andere Ziele. Seine Aufgabe ist es Roger Ballard zu finden, eine DNA-Probe von ihm zu nehmen – er trägt nämlich laut geheimen Informationen die Formel für ein Heilmittel in sich – und ihn und Marco anschließend töten.
Marco, der Wu wirklich für seine Verstärkung hält, nimmt den Auftrag notgedrungen an, denn sein Freund und Auftragsvermittler Ben droht ermordet zu werden sollte er sich weigern. Zusammen machen sich die beiden also auf den Weg nach Sarsgard, erleben so manche Gefahren und nähern sich sogar auf freundschaftlicher Basis ein wenig an.

Lesbarkeit
„Return Man“ ist in insgesamt dreizehn Großkapiteln unterteilt, die noch einmal mehrere kleine Unterkapitel aufweisen. Zu Beginn finden wir uns nur bei Marco wieder, der uns durch seine Gedankengänge führt und uns auf eine Mission mitnimmt, auf der wir seine Überlebenskünste kennen lernen. Wir erhalten ein umfassendes Bild von dem Protagonisten, wissen was er vor der Evakuierung gemacht hat, wissen wo und wie er nun sein Leben verbringt und was er eigentlich will. Nach und nach wird auch seine Vergangenheit aufgedeckt und ungefähr zur Mitte hin wissen wir auch endlich, wieso er Roger Ballard nicht wiedersehen möchte (Spoiler: Roger Ballard ist für den Tod Marcos neugeborener Tochter Hannah mitverantwortlich. Zu Beginn gibt er ihm noch komplett die Schuld. Zum Ende hin muss sich Marco allerdings eingestehen, dass Ballard überhaupt keine andere Wahl hatte und die Therapie bloß eine Hilfe sein sollte.).
Wu wird uns nach wenigen Kapiteln, nachdem Marco seinen neuen Auftrag von der Regierung – Owen Osbourne ist hier der böse Stellvertreter – erhalten hat. Seine Vergangenheit wird sehr lückenhaft aufgedeckt. Wir wissen wie er was und wieso tut und mehr müssen wir auch gar nicht wissen.
Die Großkapitel decken jeweils ein kleines Abenteuer der beiden ab, die in mehrere kurze Sequenzen aufgeteilt werden. Der Lesefluss wird nicht unterbrochen und durch die wechselnden Perspektiven – wobei das Augenmerk doch deutlich auf Marco liegt – haben wir nicht den Eindruck irgendetwas zu verpassen, was eventuell wichtig werden könnte. Die Szenarien sind wirklich sehr gut beschrieben, die Zombies drücken sich mit einem deutlichen Bild in unser Gehirn und am liebsten würden wir einfach in das Buch steigen, uns eine Waffe schnappen und drauf los schießen. Man fühlt sich an vielen Stellen wie in einem Film oder einem interaktiven Computerrollenspiel. Ganz große Kunst.

Humor
Eigentlich sollte man meinen während einer Zombie-Apokalypse hat man keinen Spaß. Aber mit Marco hat man den. Seine oftmals sehr bissigen Kommentare gegenüber Wu oder der Zombies lässt einem nicht selten ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Dennoch verliert man nicht de Ernst und die Dringlichkeit der Lage aus den Augen.
Wu hingegen kann sich erst zum Ende ein wirklich ehrliches Lachen abringen (Spoiler: Zwar im Angesicht seines sicheren Todes und das Lachen ist sicherlich nicht wegen eines Scherzes entstanden, aber er lacht) und übernimmt die deutlich ernstere Rolle in diesem Buch.
(Spoiler: Anders sieht es da wieder bei Roger Ballard aus, der uns zum Ende hin in vollster Pracht begegnet und uns wirklich ein skurriles Bild eines scheinbar verrückt gewordenen Wissenschaftlers bietet. Sollte in einem guten Zombie-Plot natürlich niemals fehlen.)

Spannung
Ich habe nicht gezählt an wie vielen Stellen mir beinahe das Herz stehen geblieben wäre und wo es mich am ganzen Körper geschüttelt hat. Es waren sehr sehr viele. Man fiebert und leidet mit Marco mit, meint man würde beim sicheren Schuss in den Kopf eines Zombies direkt durch deine Augen sehen. Und jedes Mal, wenn ein Schwall dieser Untoten auf ihn oder Wu zugeströmt kommt hält man reflexartig den Atem an, hofft, dass das jetzt gut ausgeht.
Bis zum Ende hin fragt man sich, ob Marco rausbekommt was Wu wirklich vor hat und wie er dann reagiert.
(Spoiler: Und schließlich sagt es ihm Wu ja sogar selbst, während er unserem Helden die Waffe an den Kopf hält und abdrücken will. Spätestens da will man einfach eingreifen, Wu eine rein hauen und Marco aus dem Gefängnis raus holen.) Mit jedem Gegner, sei es Zombie oder Mensch – die auch gefährlich sind – wächst die Anspannung und der Wunsch nach einem glücklichen Happy-End. (Spoiler: Und zum Teil bekommt man das auch. Marco findet seine Frau. Die ist zwar kein Zombie – womit man eigentlich gerechnet hat und man wünschte es sich auch für Marco – aber hat sich anders von ihrem Ehemann abgewandt. Marco, der dann zwar endgültig abschließen kann, scheint uns gar nicht gebrochen, ganz im Gegenteil. Er bricht in ein neues Abenteuer auf. Wir haben hier ein klassisches offenes Ende, das auf mehr hoffen lässt.)

Erotik
Zugegeben die Erotik fehlt in diesem Buch eigentlich komplett. Aber die vermissen wir auch nicht. Marco liefert uns eindrucksvolle Eindrücke in seine Gefühlswelt, wenn er über seine Frau Danielle oder seine Tochter Hannah spricht oder denkt. Was will man auch erwarten, wenn ein Mann eigentlich alleine in einem Land voller Untoter lebt? Da bleibt nicht viel Zeit. Marco ist vollends damit beschäftigt seine Aufträge auszuführen und nicht vom Fleisch zu fallen.

Inhalt/Story
Wie bereits erwähnt bin ich eigentlich kein großer Fan von Zombie-Büchern. Das lieft oft auch daran, dass die Geschichte einfach zu fantastisch und zu erfunden klingt, die Zombies rasende Killermaschinen sind und die Protagonisten sich in die Rolle eines kaltblütigen Massenmörders zwängen.
In „Return Man“ habe ich aber endlich mal eine Handlung gefunden, die mich wirklich überzeugt hat. Ein Mann, der eigentlich mit Waffen überhaupt nichts am Hut hatte entpuppt sich als wahrer Überlebenskünstler, wenn es darauf ankommt. Die Regierung in den Sicheren Staaten ist natürlich korrupt (Spoiler: Wie sich am Ende heraus stellt arbeitet die amerikanische Regierung doch tatsächlich mit China zusammen!), die Zombies sind teilweise etwas unbeholfen können aber auch sehr gefährlich werden, die restlichen Überlebenden in den evakuierten Staaten sind rasende Harakirikiller auf Quads und man kommt Schweiß und blutverkrustet so gerade eben aus der ganzen Sache raus. Sogar der Ursprung der Infektion, die die ganze Sache erst ausgelöst hat, ist schlüssig und scheint logisch. Kein mutierter Tollwutvirus geistert in den Köpfen der Infizierten herum, nein, etwas vollkommen eigenständiges wird hier erklärt. (Spoiler: Zugegeben, dass Ballard den Infektionsstoff an sich selbst ausprobiert hat und er natürlich der Träger eines immunen Teils ist scheint etwas weit hergeholt, rundet die ganze Sache aber ab und sit besonders für Marcos Entwicklung wichtig.)

Nachhaltigkeit
Sicher haben wir hier kein Buch vor uns, dass noch in Hundert Jahren von Zombiebegeisterten gelesen wird. Und es wird vielleicht auch kein Kinofilm. Aber für den eingefleischten Zombie- und Endzeitfan ist „Return Man“ ein Buch, das man sich getrost anschaffen und in einem Rutsch durchlesen sollte.
Wer wissen möchte, wie Amerika im Jahr 2018 aussehen wird – was ja nicht mehr so lange dauert – sollte sich damit behelfen und schon einmal die Sachen packen. 😉

Sprache/Stil/Ästhetik
Zito hat einen wirklich angenehmen Schreibstil. Er schweift nicht in unnütze Beschreibungen irgendwelcher schnöden Landschaften ab, die absolut gar nichts mit der Handlung zu tun haben und bleibt bei dem was wichtig ist. Die Zombies bekommen ein wirklich ansprechendes Bild, verliebte Details lassen auf ehemalige individuelle Menschen schließen und verpassen einem auch ab und an mal eine Gänsehaut, wenn man sich vorstellt, dass diese verkrusteten laufenden Leichen wirklich mal Menschen waren.
Auch, wenn wir mit Marco einen Neurologen als Protagonisten haben schweift die Handlung nicht in medizinische Fachbegriffe ab – lediglich, wenn Ballard versucht zu erklären wie sich der Virus verbreitet; hier spielt Marco aber den Übersetzen, für Wu und für uns.
Die Beschreibung der Zombies und der Kampfszenen lässt in uns ein Bild von diversen Horrorfilmen aufflammen, das sich gut in die Geschichte einfügt und natürlich hinein gehört. Was wäre ein Zombiebuch ohne eine ordentliche Portion Gemetzel und Schlachterei.

Fazit
„Return Man“ hat es meiner Meinung nach mit Recht in meine Favoritenliste geschafft. Die Geschichte reißt einen mit, man erwartet mit angespannten Nerven den nächsten Angriff der Zombies und versucht heraus zu finden, ob Wu Marco nun töten wird oder nicht. Das Ende lässt auf einen vielleicht baldigen zweiten Band hoffen – oh bitte, bitte! – in dem Marco seinen bis dato letzten Auftrag ausführen könnte, den er für die Roger Ballard Sache nach hinten geschoben hat.
Wer sich für Zombieliteratur interessiert und mal nichts in der Art wie „Resident Evil“ oder „The Walking Dead“ lesen möchte ist mit „Return Man“ von V.M. Zito auf der sicheren Seite eine wirklich gute Geschichte vor such zu haben.
Auf das unser Freund Henry Marco in den evakuierten Staaten noch viele Jahre überleben wird!!

 

Kurzer Einblick in das nächste Buch
Titel: Das Leben und das Schreiben
Autor: Stephen King
Klappentext:
„Während der Genesung nach einem schweren Unfall schreibt Stephen King seine Memoiren – Leben und Schreiben sind eins. Ein unverzichtbarer Ratgeber für alle angehenden Schriftsteller und eine Fundgrube für alle, die mehr über den König des Horror-Genres erfahren wollen. Ein kluges und zugleich packendes Buch über gelebte Literatur.“

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